1 Wie funktioniert Wikipedia?

1.1 Die Zahl der Autoren eines Artikels; Peer-Review; Diskussion

Dem Wiki-Prinzip wird zugute gehalten, dass dadurch, dass Tausende von Autoren an Wikipedia mitarbeiten, Fehler wie Fehlendes mit großer Wahrscheinlichkeit wohl relativ rasch bemerkt und behoben werden würden. Dieses Verständnis knüpft an die Auffassung des amerikanischen Philosophen Charles Sanders Peirce (*1839 †1914) an, nach der Wahrheit etwas Vorläufiges, ein intersubjektiver Grenzwert ist. Wahr ist am Ende das, was übrig bleibt, wenn nach gründlicher Diskussion die Einsprüche verstummen.

Das Durchforsten der Versionsgeschichte einzelner Artikel offenbart hingegen, dass der Glaube an die sogenannte 'Weisheit der Massen' ('Schwarmgeist') sich inhaltlich nur allzu oft auf die Verlässlichkeit bzw. Fehlbarkeit eines einzelnen Autors bzw. einer sehr kleinen Gruppe von Autoren reduziert.

"Wahrheit ist Wirklichkeit und Macht, dozierte Marx. Sie sei eine Tradition unter vielen Traditionen, meinte Paul Feyerabend. Sie sei ein soziales Konstrukt, schrieb Bruno Latour. Dass sich per Stimmenmehrheit festlegen lässt, was Wahrheit ist, oder aufgrund der Fabulierfreude oder Ausdauer eines Autors, wie dies uns Wikipedia suggeriert, das hat noch niemand behauptet."
[Albert Endres 2006]
"...das weit komplexere Problem, dass sich statt Wissen Halbwissen in der Wikipedia durchsetzen könnte. In einer durch Arbeitsteilung ausgezeichneten Gesellschaft verfügt immer nur eine Minderheit über Fachwissen. Diese Minderheit läuft jedoch stets Gefahr, von der Mehrheit „korrigiert“ zu werden. Der US-amerikanische Informatiker und Künstler Jaron Lanier bezeichnet solche kollektivistischen Ansätze im Internet als „Digitalen Maoismus“."
[Wikipedia: Qualität und Verlässlichkeit der Inhalte]
"Ein Gerücht in einer Stadt wird sich beispielsweise in Wikipedia Artikeln wahrscheinlich hartnäckig halten und Benutzer, die es glauben, werden den Artikel entsprechend der Variante des Gerüchts, mit der sie selbst vertraut sind, abändern. Nach einer Zeit wird der Wikipedia-Eintrag womöglich die plausibelste und detaillierteste Version des Gerüchts enthalten. Die Folge der Artikeländerungen, die zu dieser Version führten, wird dabei ziemlich genauso aussehen wie die Folge von Änderungen, die mit der Entwicklung eines authentischen Artikels einhergeht. Die Betrachtung der Versionsgeschichte wird daher das Gerücht nicht als solches identifizieren."
[P.D. Magnus: On trusting Wikipedia. Episteme 6, 2009, S. 74-90]
"Dass die Fanatiker und Ideologen auf Wiki so zahlreich sind, liegt ganz einfach daran, dass Menschen mit einer verbissenen Weltanschauung idR auch wesentlich mehr Zeit investieren, eben "lauter schreien". Daran werden auch die von Wiki vorgesehenen Diskussionen wenig ändern. Wer nicht von dem Feuer einer Ideologie beseelt ist, hat idR nicht genug Ausdauer, um eine zermürbende Debatte über einen Artikel durchzuziehen. Es kommt hinzu, dass sich auch an den Diskussionen die Eiferer naturgemäß besonders intensiv betätigen. Daher liefert eine "erfolgreiche" Diskussion meist nur den Durchschnitt der Weltanschauung mehrerer Fanatiker."
[Robert32 im Spiegel Online Forum]
"In der Wikipedia-Welt bestimmen jene die Wahrheit, die am stärksten besessen sind."
[Jaron Lanier 2006b]
"Ultimately, it is not about what you know, but how you play the game."
[The Six Rotten Pillars of Wikipedia, MyWikiBiz]

Die Zahl der Autoren. Die meisten Artikel werden in der Tat nur von sehr wenigen Autoren 'betreut'. Zahlreiche der Bearbeitungen ('Edits') betreffen darüber hinaus lediglich formale Dinge, so gibt es 'Autoren', die die Wikipedia durchforsten, um lediglich Zeilenumbrüche aus dem Quelltext zu entfernen (für das Aussehen des Wikipedia-Artikels ist dies ohne Belang), die Links zum Artikel über denselben Sachverhalt in anderssprachigen Wikipedias einfügen, die Größe von Bildern ändern oder die - bei Personen - sogenannte Normdaten ergänzen oder in die richtige Form bringen. Die Art und Weise der Zusammenarbeit erschließt sich allerdings nur jemandem, der die Zeit und die Geduld aufbringt, über einen längeren Zeitraum bei Wikipedia mitzuarbeiten, der Schmähungen wegsteckt, der mutig und zeitintensiv zu argumentieren bereit ist und der sich womöglich gar auf macht, um Informationen zu recherchieren. Ein solcher Mensch sieht eine ganz andere Wikipedia. Eine Wikipedia, die getrieben ist von individuellem Geltungsbedürfnis und Rechthaberei. Eine offene Diskussion wird er ebenso vermissen wie sachliche Argumentation. Denn zum einen gibt es in der Regel da gar kein 'Forum': abgesehen von ein paar 'Besessenen', wie Jaron Lanier sie nennt, liest zu den meisten Artikeln praktisch niemand die Diskussion (oder macht sich die Mühe mitzudiskutieren). Ohnehin ersparen sich viele Wikipedianer in der Regel längliche Diskussionen. Ein Kommentar in der Kommentarzeile der Änderung ('Zusammenfassung und Quellen') - häufig gar nur ein Stichwort (wenn überhaupt) - genügt ihnen meistens.

Wikipedianer: ein repräsentativer Querschnitt der Gesellschaft? Arbeitet man eine längere Zeit bei Wikipedia mit, so fragt man sich, ob da nicht eine eigene Sorte Mensch in ihrem eigenen Saft schmort. Eine Sorte Mensch, die z.B. im Verhältnis zur Gesellschaft überdurchschnittlich technik-affin ist, meist männlich und zwischen 20 und 40 Jahre alt. Technik-affine Menschen haben nicht nur ihre eigene Terminologie; sie lieben sie! Sie würden nie "eine Änderung rückgängig machen": sie sagen "revertieren". In Diskussionen wird entsprechend gern technisches Know-How eingestreut, sei es, um zu beeindrucken, sei es, um einzuschüchtern. Die Schlagabtausche haben dabei häufig den Charakter, dass jeder sich als derjenige zu präsentieren versucht, der es besser weiß. Ist es ein einzelner, der eine andere Meinung bekundet, so ist leider immer wieder zu beobachten, wie Teamarbeit dazu verkommt, dass die einen sich gegenseitig bestätigen, während sie über denjenigen mit der anderen Meinung herziehen. Im Berufsleben heißt ein solches Verhalten schlicht Mobbing.

Erstarrung. Veränderungen an Wikipedia-Texten erscheinen schwierig bis unmöglich, wenn sie nicht bloß (belegbare) Fakten betreffen (z.B. Auswahl der Bilder für einen Artikel, deutscher Begriff versus Anglizismus, wer sind die Hauptvertreter eines Kunststils? usw.). Jemand, dem eine Änderung nicht passt, kann sie mit dem Argument, "die Diskussion sei noch nicht abgeschlossen" zurücksetzen - mit einem Mausklick! (Und zu jedem Zeitpunkt der Diskussion.) Dies ist gerade im Hinblick auf Vandalismus an Wikipedia-Seiten ein unverzichtbares Feature des Wiki-Systems. Andererseits hat dieses System den Effekt, dass neue Aspekte oder eine andere Sichtweise es schwer haben, sich auf einem Wikipedia-Artikel durchzusetzen, wenn der entsprechende Autor gewissermaßen von einem Bollwerk selbsternannter Wikipedia-Wächter an seiner Mitarbeit gehindert wird (vgl. dazu auch [Stegbauer 2009]). Es ist vorstellbar, dass dieser Mechanismus zu einer gewissen Erstarrung des Wikipedia-Inhalts führt - zunächst auf der inhaltlichen Ebene, aber auch mittelfristig durchaus auch auf der Ebene der Mitarbeiter: Mitarbeiter, die wiederholt die Erfahrung gemacht haben, dass neue Gedanken auf Wikipedia nicht zugelassen werden, könnten dem Projekt den Rücken zukehren. Grundsätzlich gibt es zwar Eskalationsinstanzen wie z.B. die Seite "Dritte Meinung". Die Resonanz dort ist allerdings nach der Erfahrung des Autors eher mager, wenn es sich nicht gerade um ein Hype-Thema handelt.

Peer-Review. Wissenschaftliche Artikel durchlaufen alle einen Peer-Review-Prozess, d.h. sie werden von anderen Wissenschaftlern auf Herz und Nieren geprüft, d.h. gegengelesen, bevor sie in einem Journal erscheinen. In der Regel weiß dabei weder der Autor, wer die Rezension schreibt, noch der Rezensent, von wem der Artikel ist. Die Erfahrung des Autors mit Wikipedia ist, dass seine Artikel lediglich im Hinblick auf Rechtschreibung, Tippfehler und dgl. gegengelesen wurden. Allerdings gesellte sich - manchmal schon nach wenigen Tagen oder gar Stunden - neues Wissen hinzu, d.h. der Artikel wurde erweitert.

Bei einer steigenden Anzahl von Artikeln wird eine Änderung inzwischen zunächst von einem 'Wikipedianer' mit erweiterten Rechten, einem sogenannten 'Sichter', geprüft, bevor die geänderte Fassung zur Standardversion des Artikels wird. Es handelt sich jedoch lediglich um eine oberflächliche Sichtung, die Vandalismus verhindern soll. Weder muss der Sichter Fachkenntnisse in dem betreffenden Sachverhalt haben, noch muss er den hinzugefügten Text (z.B. anhand von unabhängigen Quellen) inhaltlich prüfen, noch muss er sich mehr von dem Artikel als die u.U. wenigen Worte ansehen, die gerade geändert wurden.

Wissenschaftliche Studien [Brändle 2005] belegen allerdings, dass das Wiki-Konzept hochqualitative Texte produzieren kann an Stellen, die die Aufmerksamkeit einer großen Öffentlichkeit auf sich ziehen: seien es wichtige Themen wie z.B. die deutsche Geschichte oder sei es aufgrund von Interesse, das durch die Ereignisse des Tages geweckt wurde. Insbesondere seien hier die sogenannten exzellenten Artikel genannt, die die Qualität der entsprechenden Einträge in herkömmlichen Lexika im Hinblick auf Umfang, Verständlichkeit und Stil häufig übertreffen.

Wer schreibt die Wikipedia-Artikel? Ein Wikipedianer, der schon 1000e "Edits" (also Seitenänderungen) auf seinem Konto hat, wirkt erst einmal seriös. Diese Kennzahl ist für jeden Benutzer auf dessen Benutzerseite einsehbar. Diese Kennzahl unterscheidet dabei nicht danach, ob die einzelne Änderung u.U. von einem anderen Benutzer wieder rückgängig gemacht wurde oder ob die Änderung vielleicht nur in der Verbesserung eines Tippfehlers oder in einem Link auf den entsprechenden Wikipedia-Artikel auf Französisch oder Spanisch bestand. Aaron Swartz [Swartz 2006] stellt fest, dass, wenn man die Zahl der "Edits" als Messlatte verwendet, tatsächlich die meisten Artikel scheinbar von nur ganz wenigen, z.B. 500, Autoren "geschrieben" werden. Berücksichtigt man hingegen, wie viel von dem Beitrag bzw. der Änderung eines Autors im aktuellen Wikipedia-Artikel noch übrig ist, so kehrt sich die Bewertung der Urheberschaft von Wikipedia-Artikeln in das Gegenteil: die meisten Artikel werden von einer großen Zahl (vielen Tausenden!) "unbekannter Autoren" verfasst, die außer diesem Beitrag nur noch sehr wenig mehr zu Wikipedia beitrugen. Sie sind gewissermaßen die Experten, die ihr Expertenwissen einbringen. Die wenigen, 500 "Power-User" stellen dagegen sozusagen das "Lektorat" der Wikipedia dar: sie überarbeiten Artikel vornehmlich nach formalen Aspekten ("Wikifizieren" nennt sich dies).

Wie sieht es nun aus, wenn es strittige Fragen zu einem Artikel gibt? Diskussionen werden in der Regel mehr oder weniger demokratisch entschieden. Wir unterscheiden zwei Fälle:

Quellen
[Robert32 2007] Beitrag von Benutzer 'Robert32' in: Wikipedia - Zeit für Zaumzeug?. Spiegel Online Forum, 21. September 2007
[Endres 2006] Albert Endres: Wissen und Wahrheit im Internet – oder über die neue Brisanz alter Probleme. Informatik Spektrum, 2006.
[Brändle 2005] Andreas Brändle: Zu wenige Köche verderben den Brei. Eine Inhaltsanalyse der Wikipedia aus Perspektive der journalistischen Qualität, des Netzeffekts und der Ökonomie der Aufmerksamkeit. Lizentiatsarbeit an der Philosophischen Fakultät I der Universität Zürich bei Professor Dr. Werner Wirth, Institut für Publizistikwissenschaft und Medienforschung. Oktober 2005
[Stein & Hess 2008] Klaus Stein und Claudia Hess: Viele Autoren, gute Autoren? Eine Untersuchung ausgezeichneter Artikel in der deutschen Wikipedia. In: Web 2.0 — Eine empirische Bestandsaufnahme. Hrsg.: Paul Alpar und Steffen Blaschke; Vieweg+Teubner, 2008, S. 107-129
[Swartz 2006] Aaron Swartz: Wer schreibt die Wikipedia? 4. September 2006
[Stegbauer 2009] Wikipedia soziologisch betrachtet. Interview von Markus Kompa mit dem Netzwerkforscher Christian Stegbauer. Telepolis, 26. November 2009

1.2 Überprüfbarkeit eines Wikipedia-Artikels

1.2.1 Quellennachweise

Quellennachweise (auch 'Einzelnachweise' oder 'Belege') geben dem Leser die Möglichkeit, einzelne, im Artikel angegebene Informationen zu überprüfen. Viele Wikipedia-Artikel enthalten neben diesen Quellennachweisen auch Literaturhinweise ('Literatur') und eine Liste von Weblinks.

Naturgemäß belegen Quellennachweise - so vorhanden - nur einen kleinen Teil der Fakten, die in einem Artikel nachzulesen sind. Allerdings sind sie der einzig verlässliche Nachweis für den Ursprung einer Information. Trotzdem ist in Wikipedia der Beleg vermittels eines Quellennachweises häufig die Ausnahme. Dies mag daran liegen, dass es zur Zeit (Stand: Juli 2011) vom Autor noch eine gewisse Einarbeitung erfordert, um einen Quellennachweis einzufügen. Zudem machen Quellennachweise den Quelltext des Artikels für den Autor selbst schwerer lesbar.

Literatur: Inwieweit die in einem Abschnitt 'Literatur' angegebenen Titel von den Autoren eines Artikels tatsächlich verwendet wurden bzw. inwieweit sie nur als Leseempfehlung oder zur Vertiefung gedacht sind oder womöglich gar erst später hinzugefügt wurden, darüber erhält der Leser keinen Aufschluss.

Weblinks: Wikipedia wird vorgeworfen, dass viele Artikel "nur" ein Konglomerat bzw. eine Paraphrase der Inhalte anderer Webseiten darstellten. Vielleicht aufgrund der mit dem Einfügen von Quellennachweisen verbundenen technischen Hürde scheinen Autoren eher bereit zu sein, eine Internet-Ressource unter 'Weblinks' als Quelle aufzuführen. Diese Weblinks unterliegen allerdings einer starken 'Fluktuation'. Insbesondere gibt es sogenannte 'Linklöscher', das sind Wikipedianer, die es sich zur Aufgabe gemacht haben, Wikipedia möglichst frei von Links ins übrige World Wide Web zu machen. Die Rationale ist dabei, einen gewissen Druck zu erzeugen, möglichst alles Wissen der Welt in Wikipedia einzubringen. Ein Link 'nach draußen' erscheint aus diesem Blickwinkel gewissermaßen als Werbung für konkurrierende Wissensanbieter.

Quellen
[82.361] Philip Tetlock, ein amerikanischer Psychologe, untersuchte in einer 20-jährigen Studie (2005 veröffentlicht), in wie weit Experten zukünftige Entwicklungen besser voraussagen können als ein Computerprogramm nach simplen Regeln bzw. Laien. In dem an sich guten Buch "Risk" von Dan Gardner (2008) finden sich dazu zwei Zahlen: Tetlock hätte 284 Experten befragt und in Summe 82.361 Vorhersagen untersucht. Alexander Schatten wurde angesichts der bloßen Zahlenwerte skeptisch und forschte nach. Die 284 tauchte tatsächlich in mehreren Quellen auf, darunter einem Interview im Wall Street Journal, einem Text über seine Arbeit sowie in einer von ihm selbst gehaltenen Präsentation. Die 82.361 aber konnte er nirgends belegen, außer – in der englischen Wikipedia. Selbstverständlich: ohne brauchbare Quellenangabe. Übernahm Gardner diese Zahl einfach von Wikipedia? Eine andere Zahl (nämlich 28.000) tauchte hingegen in mehreren Quellen auf, Alexander Schatten ersetzte daraufhin in der englischsprachigen Wikipedia die 82.361. Die deutsche Version nennt weiterhin die 82.361 (Stand: 28. Juli 2011) - obwohl die englische Version schon geändert war, als die deutsche entstand. Selbstverständlich: ohne brauchbare Quellenangabe.
[Kunst im öffentlichen Raum] Die Abschnitte 'Weblinks' und 'Zu Weblink PAW' auf der Diskussionsseite des Artikels 'Kunst im öffentlichen Raum' zeugen vom Wirken des Linklöschers H-stt. Zu seinen Löschungen äußert er sich in der Regel nur lakonisch in den Edit-Kommentaren, vgl. Versionen/Autoren, z.B. am 6. Juni 2009, 17:20 Uhr.

1.2.2 Rückfrage beim Autor

"Die Wahrheit hingegen bekommen Sie nur mit Verantwortlichkeit."
[Jaron Lanier 2006b]

Wenn sich ein Autor hinter einem Pseudonym versteckt, so kann man sich bei einem Buch im Zweifelsfall an den Verlag wenden, um die Identität des Autors festzustellen. Dies leuchtet insbesondere im Fall von Artikeln über lebende Personen (oder auch: Unternehmen) ein, wenn die betreffende Person Unstimmigkeiten in dem Artikel über sie selbst richtigstellen möchte.

Zahlreiche Wikipedia-Autoren wollen jedoch nicht einmal per e-Mail erreichbar sein. (Es fehlt das Werkzeug "E-Mail an diesen Benutzer" auf der Benutzer-Seite. Dieses Werkzeug bekommt man nur dann angeboten, wenn man eingeloggt ist.) Man kann zwar eine Nachricht auf der Diskussionsseite des Autors hinterlassen, man ist jedoch darauf angewiesen, dass der Autor irgendwann einmal seine Diskussionsseite tatsächlich abruft. Wenn man also Zweifel an der Richtigkeit eines Beitrags eines Benutzers hat und z.B. gern wissen möchte, woher er eine bestimmte Information hat, so ist es in manchen Fällen unmöglich, ihn zu fragen, oder man muss u.U. unbestimmte Zeit auf Antwort warten. Tatsächlich kommt es immer wieder vor, dass sich Mitarbeiter von Wikipedia komplett verabschieden (es herrscht dort, wie gesagt, ein rauhes Klima). Wer zeichnet dann für die von ihnen erstellten Inhalte verantwortlich?

Quellen
[Lanier 2006b] Eine grausame Welt. Ein Interview von Jörg Blech und Rafaela von Bredow mit Jaron Lanier. DER SPIEGEL 46/2006
[Benutzer1] Wikipedia-Benutzerin EvaK
[Benutzer2] Wikipedia-Benutzer Lübecker Baumann

1.3 Quellenkritik in Wikipedia selbst: Google

Wonach man auch googelt, sehr rasch landet man auf einer Seite des Mitmach-Lexikons Wikipedia. Umgekehrt wird in Diskussionen von Wikipedia-Autoren sehr schnell Google als "objektive Instanz" herangezogen. Beispiel: soll der Eintrag "Thumbnail" oder "Miniaturbilder" heißen? Die Anzahl der Google-Treffer als Kriterium herangezogen, um zu entscheiden (in diesem Falle: für Thumbnail anstatt Miniaturbilder). 106 Millionen gegen 254 Tausend Treffer! Da sind mitdiskutierende Wikipedia-Autoren sofort ehrfürchtig überzeugt. Und in Wikipedia entscheidet die Stimmung. Wenn in einer Diskussion mehr Teilnehmer für die eine Lösung sind als für eine andere Lösung, so wird danach gehandelt. Wenn es dagegen darum geht, den aktuellen Stand zu ändern, nützt auch das nichts: es genügt ein Wikipedianer mit viel Zeit (und von diesen gibt es beileibe zahlreiche!), und dieser wird jede mühevolle Änderung - auch wenn sie noch so gut (z.B. auch mit Quellen) begründet wird - mit einem Klick wieder rückgängig machen. In wie weit spiegeln derartige Google-Trefferzahlen den Sprachgebrauch im deutschsprachigen Raum wieder? Fragen beispielsweise danach, ob bei der Anzahl der Google-Treffer das gesamte weltweite Netz zugrunde lag oder nur das deutsche, österreichische und schweizerische (immerhin geht es an dieser Stelle ja um die deutsche Wikipedia) - werden nicht gestellt. Unreflektiert bleibt ebenso, ob die gigantische Anzahl von Teffern für "Thumbnail" möglicherweise daher rühren könnte, dass dieses Wort gern auf automatisch (d.h. von Datenbanken) generierten Seiten mit vielen, vielen Miniaturbildern vorkommt. Dass Leute, die Webseiten gestalten, oft technik-affin sind und von daher möglicherweise eher einen englischsprachigen Begriff wählen, weil er trendiger (oder gar drei Buchstaben kürzer) ist und weil sie schon lange mit dem Programm XY arbeiteten, das den Begriff "Thumbnail" verwendet, bevor es in Deutsch verfügbar gemacht wurde? Dass schließlich Wikipedia-Autoren selbst vermutlich eher technik-affin sind und meist über eine bessere Ausbildung verfügen, erhebt sie schlussendlich in den Stand, für alle anderen Menschen im deutschsprachigen Raum den Standard vorzugeben. Dann müssen die sich eben den schicken englischen Begriff aneignen, auch wenn sie vielleicht gar nicht mehr wissen, was ein "Thumb" eigentlich ist. (Mit "nails" dagegen ist man ja heutzutage über Werbung und "Nail-Studios" bestens vertraut.)

Quellen
[seth 2010] Diskussion um Vorschaubild vs. Thumbnail vs. Miniaturbild: Der Wikipedia-Lexikoneintrag lautet auf 'Vorschaubild', in der Hilfe:Bilder wurde hingegen von der Version vom 16. Februar 2004, 23:31 Uhr, (Benutzer 'Elian') der Begriff 'Thumbnail' verwendet. Erst seit der Version vom 1. April 2010, 19:04 Uhr (Benutzer Emdee) bzw. der Version vom 1. April 2010, 22:03 Uhr (Benutzer Smial) wird der Begriff Vorschaubilder anstatt Thumbnails verwendet. Vergleiche dazu die Argumentation von Benutzer 'seth' [23:48, 9. Mär. 2010] auf den Vorschlag des Benutzers 'Welt-der-Form', statt 'Thumbnail' den Begriff 'Miniaturbild' zu verwenden, weil dies ein gut verständlicher deutsches Wort ist und es der PC-Anwender zudem von großen Softwareanbietern wie u.a. Microsoft und Adobe her kennt (siehe Abschnitt Thumbnails -> Vorschaubilder auf der Diskussionsseite zu Hilfe:Bilder; wenn der Link nicht mehr stimmt, ist dieser Abschnitt im Archiv [Januar - April 2010] zu finden).

1.4 Quellenkritik in Wikipedia selbst: Selbstreferentialität

Viele Webseiten haben nur einen Zweck: "Traffic" anzuziehen, d.h. Klicks bzw. Leser, die sich die auf der Seite geschaltete Werbung ansehen sollen. (Dazu muss man gar nicht in irgendwelche Schmuddelecken abtauchen.)

Um Leser anzuziehen, braucht man "Content", also Inhalte, die nicht so sehr originell und inhaltsschwer sein müssen, die aber - von Google - gefunden werden sollen. Nun - die Inhalte von Wikipedia können von jedem kostenlos genutzt werden (bei Angabe der Lizenz): wunderbar! Mithin findet man an vielen Stellen im Netz schlichte Kopien der Wikipedia-Texte - geschmückt mit Werbung.

So weit kein Problem. Aber das Abschreiben ist so einfach, dass es dazu verführt, sich die Mühe zu sparen, die Wikipedia-Lizenz anzugeben. Und schon tauchen Wikipedia-Inhalte an zahlreichen Stellen im Netz wieder auf, mal mehr, mal weniger gut als Eigenleistung kaschiert. Im Ergebnis wird es nach einiger Zeit zahlreiche "Quellen" geben, die "belegen", dass das, was in Wikipedia steht, richtig ist. Oder etwa nicht? Ein Herkules, wer versucht, unter diesen Umständen, einen Fehler in Wikipedia gegen die Allwissenheit der Wikipedia-Autoren zu korrigieren.

Quellen
[Guttenberg] Wie ich Freiherr von Guttenberg zu Wilhelm machte. BILDblog, 10. Februar 2009.
Mich hat überrascht, wie viele den Fehler übernahmen. ZEIT online, 13. Februar 2009
[Stadtseiten] Kopie (u.a.) des Wikipedia-Eintrags 'Ludwigshafen am Rhein' auf den Stadtseiten von Ludwigshafen
[Kinetische Kunst] Kopien des Wikipedia-Artikels 'Kinetische Kunst' u.a. auf den folgenden Webseiten:

freenet Lexikon

Region Nord - Infoportal

israelim.info

Finde Stars

Kreisjugendring Göppingen

Smart-Club Saar

Academic dictionaries
 
(Klicken Sie auf eines der Miniaturbilder, um den zugehörigen Screenshot vom 29. April 2010 in voller Größe zu sehen.)

Das Kuriose daran: die sogenannte "Hauptvertreterin" Aljoscha Brandt, die überall gleich als erste genannt wird, ist in der restlichen (Netz-)Welt als Künstlerin ein unbekanntes Wesen. Keine einzige Spur deutet darauf hin, dass eine Künstlerin mit diesem Namen tatsächlich existiert... (Man versuche es beispielsweise mal via Google, artfacts, kunstaspekte, ArtLex, artnet, Artcyclopedia, ArtBrokerage usw.)

Ursprung des Fehlers: in der Version vom 6. Februar 2009, 10:48 Uhr, ersetzte der Benutzer mit der IP-Adresse '217.235.206.212' den israelischen Künstler Yaacov Agam durch Aljoscha Brandt (eine Schülerin?). Korrigiert wurde der Fehler kurz nach Erscheinen von wikipedia-quellenkritik.de, am 14. Mai 2010, durch den Benutzer H-stt.


Thomas Emden-Weinert created: 2010/04/29, last changed: 2010/05/27