2 Quellen für eine Quellenkritik

2.1 Falsche Fakten: Schwarmgeist

"Im Vergleich zu den gedruckten Medien ist sein Wirkungsgrad [d.h. des Internets] nicht selten viel tausendfach größer. Viele alte Probleme erhalten damit eine neue Qualität und Brisanz. Um damit fertig zu werden, sind noch mehr Wachsamkeit, professionelle Sorgfalt und gesunde Skepsis gefordert als bisher. (...) Je leichter Wissen zugänglich ist, umso wichtiger ist es, dass die Nutzer lernen, es nach Relevanz und Wahrheitsgehalt zu bewerten und äußerst selektiv zu nutzen."
[Albert Endres 2006]
“For God sake, you’re in college; don’t cite the encyclopedia.”
[Jimmy Wales, einer der beiden Gründer der Wikipedia, zu Studenten (2006)]

Falsche Fakten sind im Einzelfall sicher zu verschmerzen. Andererseits spiegeln die unten angeführten Quellen die Art und Weise wieder, wie Wikipedia entstanden ist: nämlich nur allzu häufig durch Abschreiben bzw. Paraphrasieren anderer Webseiten und durch Konsultieren von Google. Das Bemerkenswerte dabei ist, dass die Fehler in erster Linie gerade nicht durch das Paraphrasieren als solches entstehen. Vielmehr zeigt sich, dass hier mal in Unkenntnis der tatsächlichen Sachlage die Formulierung auf der Quell-Webseite missverstanden wird, dort ein Jurist zum Urheber eines Kunstwerks wird, bloß weil er fast den selben Namen wie der Künstler trägt. Eben gerade die Kooperation der Schwarmgeister - der auf der einen Seite die versammelte Wissensfülle zu verdanken ist - ist auf der anderen Seite fehleranfällig, wenn jeder einzelne der vielen Autoren (in aller Regel nach bestem Wissen und Gewissen!) nur ein kleines Wissenshäppchen beisteuert und der für das Ganze Verantwortliche mit vertiefter Sachkenntnis fehlt. Die Beobachtungen stützen damit letztlich die These, dass Wikipedia einerseits zwar Wissen schnell verfügbar macht und übersichtlich präsentiert, aber auf der anderen Seite eben häufig nicht zuverlässiger ist als der Rest des World Wide Web.

Pikant für denjenigen, der an die Selbstheilungskräfte des Schwarmgeistes glaubt: manche Fehler werden auch über Jahre hinweg nicht korrigiert. Und dies selbst dann, wenn auf der Diskussionsseite des Artikels auf den Fehler aufmerksam gemacht wurde. Hier schlägt wohl das Motto "Sei mutig!", das man Neueinsteigern mitgibt, zu Buche. Zurückhaltendere Autoren können ihr Fachwissen da angesichts des Muts anderer Autoren manchmal nicht plazieren. Die Beispiele werfen ein Schlaglicht auf die Frage, welchen Stellenwert unsere Gesellschaft in Zukunft der in Büchern dokumentierten Expertise beimessen wird...

Quellen
[Lanier 06b] Der Computerwissenschaftler und Autor Jaron Lanier hat den Begriff "Virtual Reality" geprägt und erste Anwendungen dafür in der Chirurgie und der Autoindustrie entwickelt. Auf der Wikipedia-Seite wurde er fälschlicherweise als Filmemacher bezeichnet. Lanier korrigiert das viele Male - und immer wurde es wieder geändert, zurück zur falschen Version. Schließlich kam ihm seine Bekanntheit zu Nutze: er mokierte sich öffentlich darüber, und daraufhin wurde der Eintrag berichtigt.
Quelle: Eine grausame Welt. Ein Interview von Jörg Blech und Rafaela von Bredow mit Jaron Lanier. DER SPIEGEL 46/2006
[Patalong 2006] Frank Patalong: Die vielen Tode von Kenneth Lay. Spiegel online, 6. Juli 2006
[Bildsäulen-Dreiergruppe] Die Bildsäulen-Dreiergruppe ist eine 32m hohe, dreiteilige Skulptur vor dem Mercedes-Benz Center in Stuttgart. Sie wurde 1989 vom Künstler Max Bill geschaffen. Der ursprüngliche Artikel gab das auch korrekt wieder, bis in der Version vom 2. Oktober 2006 um 17:10 Uhr ein Benutzer 'Kandschwar' den Künstler Heinz Mack als zweiten Autor dieser Skulptur in den Artikel einschmuggelte. Dies wurde erst in der Version vom 6. November 2009 um 00:35 Uhr durch den Benutzer 'Welt-der-Form' wieder korrigiert. 'Welt-der-Form' aktualisierte auch die Weblinks, wo die Fehlerquelle zu vermuten ist: dort heißt es, "Die Stelen-Skulpturen von Heinz Mack und Max Bill wurden von den Künstlern 1989 (...) geschaffen." Hier ist allerdings die Rede von einer weiteren Skulptur ganz in der Nähe, die in der Tat von Heinz Mack stammt. Den selben Fehler enthält der Artikel über Heinz Mack von der Version vom 2. Oktober 2006, 20:50 Uhr (Benutzer 'Kandschwar') bis zur Version vom 6. November 2009, 02:45 Uhr (Benutzer 'Welt-der-Form'). Quellen:
[Kontinuität ein Möbiusband] Im Wikipedia-Artikel »Möbiusband« (erstmals in der Version vom 23. April 2007, 19:06 Uhr, von Benutzer Joajae) wird behauptet, die Skulptur »Kontinuität« des Künstlers Max Bill sei ein Möbiusband. Dies ist jedoch nicht der Fall: tatsächlich hat die Kontinuität zwei Seiten ("Vorderseite" und "Rückseite") und man kann nur durch Überquereung des Randes von der einen auf die andere Seite gelangen. Davon kann man sich an Ort und Stelle selbst überzeugen oder man kann es in [1] nachlesen, wo sich Max Bill selbst dazu äußert. Korrigiert hat den Fehler der Benutzer Roll-Stone in der Version vom 10. April 2011, 16:18 Uhr.

Allerdings liest man auch in der Fachliteratur falsche (oder zumindest irreführende) Beschreibungen: So heißt es in [2] über die Konstruktion der Kontinuität: "Ein eineinhalbfach verdrehtes Band wird so in den Raum gelegt, dass es sich selbst berührt." Anhand eines Papierstreifens überzeugt man sich leicht, dass auf diese Weise ein Einflächner (bei dem man ohne Überqueren des Randes von der Vorder- auf die Rückseite gelangt) entsteht. In [3] heißt es: "(...) So entsteht ein doppelseitiges endloses Band. 'Kontinuität' besitzt zwei Seiten, doch weder Vorderseite noch Rückseite."

Auch im Wikipedia-Artikel »Kontinuität (Skulptur)« wurde die Skulptur von Max Bill zunächst als Möbiusband beschrieben, vgl. die Version vom 9. April 2011, 12:57 Uhr, von Benutzer Roll-Stone. Er korrigierte dies nach E-Mail-Kontakt schon in der Version vom 10. April 2011, 16:03 Uhr.

Quellen:
[1] Jakob Bill (Hrsg.): Max Bill - Unendliche Schleife und die Einflächner 1935-1995. Benteli Verlag, 2000, S. 75.
[2] Gerd Fischer: Der Koloss von Frankfurt: Die "Kontinuität" von Max Bill. In: Mitteilungen der Deutschen Mathematiker-Vereinigung, Heft 4/1999, S. 22-23.
[3] Werner Spies: Kontinuität. Granit-Monolith von Max Bill. Busche Verlagsgesellschaft, Dortmund, 1986
[Land] Der Benutzer 'Gerardus' machte in der Version vom 21. Mai 2010, 10:22 Uhr, aus dem gebürtigen Deutschen Ewerdt Hilgemann einen deutsch-niederländischen Künstler, weil er u.a. der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek ihn damals so führte (inzwischen ergänzt um "Weitere Angaben: Dt. Künstler, lebt seit 1970 in den Niederlanden"). Auf den Hinweis hin, dass Ewerdt Hilgemann nach wie vor nur die deutsche Staatsbürgerschaft inne hat - wie ich durch Nachfrage vom Künstler selbst erfuhr -, antwortete Gerardus, dies wäre kein enzyklopädisches Vorgehen, da nur Wissen zähle, was "aus offiziellen Quellen" (z.B. einem Kunstkatalog) stamme.

Im Dokument Der Ländercode - Leitfaden zu seiner Vergabe der Deutschen Nationalbibliothek heißt es: "Personenschlagwörter erhalten in der SWD den LC des Staates oder der Staaten, in dem oder in denen die jeweiligen Personen ihren Lebensmittelpunkt bzw. den Schwerpunkt ihres Wirkens haben bzw. hatten." Wikipedia hingegen bezieht sich in der Formatvorlage Biografie explizit auf die Nationalität der portraitierten Person. Die Übernahme von Daten aus dem Datensatz der DNB führt also notwendig zu systematischen Fehlern bzw. Mehrdeutigkeiten.

Zum Vergleich: Tony Cragg wird in seinem Wikipedia-Eintrag als "englischer Künstler", im Katalog der Deutschen Nationalbibliothek als "britischer Bildhauer" bezeichnet. Er wurde in Liverpool, England, geboren und lebt, wohnt und arbeitet aber seit 1977 in Wuppertal. Der US-stämmige James Reineking lebt seit 1980 in Deutschland. Sein Wikipedia-Eintrag bezeichnet ihn ("nur") als "amerikanischen Künstler", auch der Katalog der Deutschen Nationalbibliothek führt ihn als US-Amerikaner.

[Matschinsky-Denninghoff] Im Wikipedia-Artikel zu dem Künstlerehepaar Matschinsky-Denninghoff wurde die Skulptur 'Elemente' (am Krankenhaus Berlin-Friedrichshain) auf 1987 datiert. Tatsächlich stammt sie aus dem Jahr 1997 (2002 aufgestellt). Kurios: nicht nur war die Jahreszahl auf der Bild-Datei-Seite korrekt angegeben, auch auf der Diskussionsseite zum Artikel wurde (von Benutzer 'Welt-der-Form') am 25/28. Feb. 2010 auf diesen Fehler hingewiesen.
Fehlerursprung: Version vom 26. Februar 2009, 15:01 Uhr [Benutzer '44Pinguine']. Den Titel der Skulptur korrigierte '44Pinguine' am 11. März 2009, 12:11 Uhr. Benutzer Jón entfernte den Fehler in der Version vom 6. Juli 2010, 07:59 Uhr. Quellen:
  • Jörn Merkert: Brigitte und Martin Matschinsky-Denninghoff. Werke aus fünf Jahrzehnten in der Sammlung der Berlinischen Galerie. Berlinische Galerie, Berlin, 2001, S. 130
  • Erich Schneider: Matschinsky-Denninghoff "Eins und doppelt" - Werke 1948-1998. Schweinfurter Museumsschriften 75/1998, S. 18
  • Bildhauerei in Berlin: Verzeichnis der Skulpturen im öffentlichen Raum Berlins

Damit bleibt nur noch die kleine Inkorrektheit, dass die Arbeit "Seewind" (1989), Kiel, im Artikel "Röhreninstallation" genannt wird.

[Montessori-pädagogik] Im Wikipedia-Artikel Montessoripädagogik heißt es: "Die zweite Phase (6-12 Jahre) bezeichnet sie als labile Phase." Tatsächlich bezeichnet Montessori die Entwicklungsphase des 12-18jährigen Jugendlichen als die 'labile Phase', als die Phase des 'sozial Neugeborenen' - verbunden mit Pubertät und Rollenübernahme in der Gesellschaft. Selbst der vom Deutschen Institut für Internationale Pädagogische Forschung betriebene Deutsche Bildungsserver hat die Falschaussage aus Wikipedia übernommen (Stand: 27.1.2011). Die Standardfachliteratur zu dem Thema stimmt hingegen in der Darstellung der von Maria Montessori beschriebenen Entwicklungsphasen des Kindes überein. Ein entsprechender Hinweis des Benutzers Hamaryns auf der Diskussionseite (er gibt sogar die Seitenzahlen an) bleibt jedoch unberücksichtigt (Stand: 27.1.2010). Tatsächlich zeigt sich (wie auch in entsprechenden psychologischen Studien), dass der Mensch danach urteilt, was er unmittelbar sieht, und das heißt insbesondere, danach, wie seine Umwelt urteilt. Fachliteratur ist nicht greifbar, sie sich zu beschaffen offenbar nicht zumutbar, also bleibt man - wider besseren Wissens - bei der Version des 'Wissens', wie sie Webseiten kolportieren, die via Mausklick verfügbar sind. Der Autor Fritzbruno, der nach eigener Aussage gar um Stichhaltigkeit bemüht ist, plädiert gleichwohl für die Beibehaltung der Falschaussage, obwohl er reflektiert, dass all die Webseiten ihre Falschaussage möglicherweise von Wikipedia übernommen haben könnten. Ob ihm bewusst ist, dass der Benutzer Hamaryns im betreffenden Fall authoritative Fachliteratur anführt, darf bezweifelt werden.
Ursprung des Fehlers: ein anonymer Nutzer, der die Änderung unter der IP-Adresse 91.52.59.107 machte (Version vom 26. Mai 2009, 11:15 Uhr).
WWW-Quellen, die die labile Phase falsch zuordnen (Stand: 27.1.2010): Quellen, die die Entwicklungsphasen des Kindes nach Montessori korrekt beschreiben:
  • Ehrenhard Skiera: Reformpädagogik in Geschichte und Gegenwart. Oldenbourg, München, 2003, S. 218 ff
  • Gudula Meisterjahn-Knebel: Montessori-Pädagogik in der weiterführenden Schule. Herder, Freiburg im Breisgau, 2003, S. 31f
  • Hildegard Holtstiege: Modell Montessori. Herder, Freiburg im Breisgau, 1994
  • Ela Eckert: Maria und Mario Montessoris Kosmische Erziehung. LIT, Münster, 2007
  • montessori-paedagogik.info
  • montessori-augsburg.org
[Ernst Günter Herrmann] Im Wikipedia-Artikel Skulpturen in Heilbronn wurde eine Granitskulptur (Bahnhofstraße, Heilbronn) des Künstlers Ernst Günter Herrmann (*1941 Erfurt, lebt und arbeitet in Ostfildern) lange Zeit dem Juristen und Intendaten Günter Herrmann (*1931 Leipzig) zugeschrieben. Die Genese des Fehlers zeigt, dass hier viele Umstände unglücklich zusammentrafen: So führte der Benutzer Peter Schmelzle in der Version vom 18. August 2006, 23:58 Uhr, des Artikels »Denkmäler in Heilbronn« Günter Ernst Herrmann als Künstler auf (also mit vertauschten Vornamen). Dabei verließ er sich auf den offiziellen Skulpturenführer der Stadt Heilbronn [Holthuis 2009]. Den Artikel teilte er am 8. Juli 2008 um 23:21 Uhr in »Denkmäler in Heilbronn« einerseits und »Skulpturen in Heilbronn« andererseits auf. Dabei fügte er den (leeren) Link auf den (damals wie heute) nicht existierenden Wikipedia-Eintrag für »Günter Ernst Herrmann« ein. Ein Benutzer »Ureinwohner« schließlich fügte am 25. Dez. 2008, 01:58, eine Weiterleitung von Günter Ernst Herrmann auf Günter Herrmann (Intendant) ein. Dadurch gelangte der Leser durch einen Klick auf »Günter Ernst Herrmann« automatisch zum Intendanten »Günter Herrmann«. Nach einem kurzen Mail-Kontakt korrigierte der Benutzer Schmelzle am 16. April 2011 den Fehler (er war offenbar durch wikipedia-quellenkritik.de auf den Fehler aufmerksam geworden). Quellen:
[EGH] Offizielle Webseite des Künstlers Ernst Günter Herrmann
[Holthuis 2009] Gabriele Holthuis: Skulpturenstadt Heilbronn. Hrsg. Städtische Museen Heilbronn, Heilbronner Museumskatalog Nr. 60, Heilbronn, 2009, ISBN 3-930811-57-X (1. Auflage: 1996)
[Skulpturen- meile Hannover] Im Wikipedia-Artikel zur Skulpturenmeile Hannover heißt es «Auftakt des Straßenkunstprogramms, initiiert vom damaligen Oberstadtdirektor Martin Neuffer, war das Jahr 1974.» [Stand: 20. April 2011] Tatsächlich fiel der Startschuss bereits vier Jahre früher am 27. Mai 1970, als der Rat der Landeshauptstadt Hannover mit großer Mehrheit das Programm "Experiment Straßenkunst" billigte. Zum großen Altstadtfest im August 1970 kam beispielsweise die Skulptur "Avenue K" von Kenneth Snelson nach Hannover. Fehlerursprung: Initialversion vom 3. Dezember 2005 um 01:21 Uhr von Axel Hindemith. Quellen:
[Ernst-Barlach-Preis] Im Wikipedia-Artikel zur Ernst Barlach Gesellschaft Hamburg heißt es, Stephan Kern (*1955 Ludwigshafen) sei ein Preisträger des Ernst-Barlach-Preises. Tatsächlich handelt es sich jedoch um Stefan Kern (*1966 Hamburg). Fehlerursprung: Version vom 18. August 2010, 15:56 Uhr von Benutzer 84.143.250.77. Quellen:
[Begirari
- Begiari]
Der Wikipedia-Artikel über den Bildhauer Eduardo Chillida führt eines seiner Kunstwerke auf, das dort 'Begiari (auch: Begirari)' genannt wird. Urheber ist der Benutzer 'Stell98', der in der Version vom 6. Juli 2006, 21:35 Uhr, das Foto der Skulptur an der Raketenstation Hombroich in Neuss beisteuerte.
Tatsächlich heißt die Skulptur jedoch 'Begirari V' (Baskisch für 'Wächter' oder 'Beschützer', Nr. 5). Das Wort 'Begiari' gibt es laut Auskunft des Museo Chillida Leku, Hernani, vom 22. Juni 2015 im Baskischen zwar auch, es bedeutet jedoch etwas anderes und Chillida wählte bewusst den Titel 'Begirari' und nicht 'Begiari'. Übrigens tragen auch andere Werke Chillidas den Titel 'Begirari', so z.B. das Werk Begirari IV in Bilbao. (Auch Sabine Maria Schmidt, die in direktem Kontakt mit dem Künstler arbeitete, nennt in ihrer Dissertation an dieser Stelle den Titel 'Begirari'.) Vermutlich wurde der Fehler von der Webseite der Stiftung Insel Hombroich, in deren Eigentum sich das Werk befindet, übernommen. Auch der Band Skulpturen in Neuss übernahm die falsche Angabe wohl von hier.

Quellen:
  • Liste der öffentlichen Arbeiten - Deutschland, Museo Chillida Leku, Hernani [Stand: 11.7.2015]
  • Skulpturen der Raketenstation Hombroich, Stiftung Insel Hombroich [Stand: 11.7.2015]
  • Sabine Maria Schmidt: Eduardo Chillida: die Monumente im öffentlichen Raum.
    Chorus Verlag, 2000, S. 485
  • Christian Frommert: Skulpturen in Neuss. Wienand Verlag, Köln, 2014, hrsg. von Harald Müller, Kulturamt der Stadt Neuss.
[Dreifach-Tor] Der Wikipedia-Artikel über den Bildhauer Volker Bartsch führt das Kunstwerk Dreifach-Tor auf. Nach Auskunft des Büro Volker Bartsch vom 5. Juli 2015 wurde das Dreifach-Tor im Jahr 1999 begonnen und im Jahr 2000 fertiggestellt. Für die Aufstellung vor dem Museum Giersch am Schaumainkai in Frankfurt wurde sie 2009 geringfügig überarbeitet. Ca. 2014 zog die Plastik vom Schaumainkai zum »Giersch-Science-Center«, Universitäts-Campus Riedberg, Max-von-Laue-Str., um.

Quellen:
  • Der Katalog "Volker Bartsch - Bildhauer, Maler, Grafiker", Museum Giersch, 2008, S. 172-73, nennt für die Skulptur "Dreifachtor" das (Schaffens-)Jahr 2000.
  • Die Webseite Volker Bartsch nennt: "Dreifach-Tor (2002)"
  • Der Wikipedia-Eintrag Volker Bartsch nennt (Stand: 11.7.2015) das Jahr 2009. Ursprung: Benutzer 'Basspage' am 22. Oktober 2009 um 13:50 Uhr.
  • Die Plakette am jetzigen Standort des Kunstwerks am Campus Riedberg gibt das Jahr 1999 an.
[Endres 2006] Albert Endres: Wissen und Wahrheit im Internet – oder über die neue Brisanz alter Probleme. Informatik Spektrum, April 2006, 291-295
[Young 2006] Jeffrey R. Young: Wikipedia Founder Discourages Academic Use of His Creation. The Chronicle of Higher Education, 12. Juni 2006

2.2 Fehlende Informationen

Das Fehlen wichtiger Information ist oft schwerer zu bemerken als ein Fehler. Nicht umsonst sind beispielsweise Beipackzettel von Arzneimitteln meist ziemlich länglich, denn es sind oft viele Besonderheiten und Einzelfälle zu dokumentieren, die zu beachten in manchem Fall lebenswichtig sein kann. Selbstverständlich wird sich niemand auf einen Wikipedia-Artikel verlassen wie auf einen Beipackzettel einer Arznei, oder? Nun, was Klausuren in Schule und Studium anbelangt, so verlassen sich zahlreiche Schüler und Studenten auf das, was in Wikipedia dargeboten wird, hin und wieder wohl sogar wörtlich. Daher: Butter bei die Fische! Was fehlt, ganz konkret, in Wikipedia, was man aber zum Thema wissen sollte?

Zu beobachten ist, dass - im Kontrast zur versammelten Faktenmenge - immer wieder einordnendes Überblickswissen fehlt.

Quellen
[Tenside] Das Stichwort 'Ökotoxizität' sucht man im Eintrag Tenside vergeblich. Im Zusammenhang mit Alkylphenolpolyglykolether ist lediglich von einem 'Verdacht auf Fischtoxizität' die Rede. Quellen:
[Früh-
mittelalter,
Auf-
klärung]
Wikipedia eignet sich als Einstieg? Die Geschichtswissenschaftler Peter Haber und Jan Hodel kommen zu dem Schluss, dass dies umso weniger stimmt, je komplexer das Thema ist. Beispiele: Wikipediaeinträge Frühmittelalter [Version vom 20. Mai 2010] und Aufklärung. Die Anzahl der untersuchten Stichwörter (21) stellt jedoch die Allgemeingültigkeit ihrer Schlussfolgerung infrage. Quelle:
[George Washington] Nach dem Eintrag eines Spaßvogels lebte Washington elf Tage lang als »der erste Pinguin der Vereinigten Staaten« in englischsprachigen Wikipedia. Auch die Frage, ob Washington Sklaven hielt, hielt die Wikipedianer (und den Artikel) in Atem... Quellen:
[Kunst
im
öffentlichen
Raum]
Der Artikel 'Kunst im öffentlichen Raum' (Stand: 19. Juni 2011) macht die Doppelbedeutung des behandelten Begriffs nicht explizit. Tatsächlich bezeichnet Kunst im öffentlichen Raum
  1. einerseits alle Kunstwerke, die an öffentlichen Straßen und Plätzen und in städtischen Parks aufgestellt sind und somit für jedermann, ohne Eintritt zahlen zu müssen, zugänglich sind;
  2. andererseits eine Form von öffentlicher kommunaler Kunstförderung, die in den 1970er Jahren entstand.

Der einleitende Satz des Artikels scheint den Begriff 'Kunst im öffentlichen Raum' auf die erste Bedeutung einschränken zu wollen. Auch die ersten beiden Absätze ('Entwicklung' und 'Kultur für alle!') beschreiben 'Kunst im öffentlichen Raum' in dieser Hinsicht.

Der dritte Abschnitt 'Etablierung und Verstetigung' hingegen widmet sich dem Förderprogramm 'Kunst im öffentlichen Raum', das maßgeblich mit dem Kultursenator von Bremen und später Hamburg, Volker Plagemann, verbunden ist. Es löste die Kunst-am-Bau, bei der beim Bau öffentlicher Gebäude ein gewisser Prozentsatz der Bausumme für Kunst aufzuwenden war, ab dergestalt, dass diese Mittel nun in einem zentralen Topf zusammengeführt und von der Kulturbehörde anstatt vom Bauministerium verantwortet wurden. Damit wurden nicht nur größere Projekte möglich. Kunst wurden unabhängig von Bauvorhaben und deren Orten und Anforderungen. Bauvorhaben von Land oder Bund führen allerdings dazu, dass in einer Stadt Kunst am Bau und Kunst im öffentlichen Raum nebeneinander fortbestehen.

Im Folgenden ergeben sich durch die Vermengung der beiden Bedeutungen Widersprüche:

  • Wenn im Abschnitt 'Abgrenzung zur Kunst am Bau' davon die Rede ist, dass «sich die beiden Stränge der Kunst außerhalb von umhüllenden Gebäuden klar trennen» lassen, so gilt dies natürlich nur für die 'Kunst im öffentlichen Raum' in der Bedeutung 2.
  • Im Abschnitt 'Finanzierung' heißt es:

    «Der Begriff Kunst im öffentlichen Raum wird ohne Rücksicht auf die Art der Finanzierung der Kunstwerke gebraucht. Kunstwerke im öffentlichen Raum wurden und werden von staatlichen Stellen (Fürsten, Gebietskörperschaften, staatliche Museen), aber auch von privaten Museen, Galerien, Unternehmen, Fördervereinen oder einzelnen Mäzenen bezahlt.»

    Dies ist natürlich das Gegenteil dessen, was in Abschnitt 'Etablierung und Verstetigung' über das Förderprogramm 'Kunst im öffentlichen Raum' gesagt wird. Offenkundig bezieht sich dieser Absatz ausschließlich auf 'Kunst im öffentlichen Raum' in der Bedeutung 1.
  • Die Aussage «Kunst im öffentlichen Raum ist nicht in jedem Fall eine von oben gesteuerte Veranstaltung» in Abschnitt 'Kunstwettbewerbe' ist für 'Kunst im öffentlichen Raum' in der Bedeutung 1 unsinnig. Sie bezieht sich offenkundig nur auf 'Kunst im öffentlichen Raum' in der Bedeutung 2.
  • Der Abschnitt 'Abbildungsrechte' schließlich bezieht sich auf 'Kunst im öffentlichen Raum' unabhängig davon, wer das Kunstwerk bezahlt hat, und trifft mithin nicht nur auf 'Kunst im öffentlichen Raum' in der Bedeutung 2 zu. Für den Leser geht das aus dem Text jedoch nicht klar hervor.
[Skulptur] Skulptur (von lateinisch sculpere = schnitzen) war bis in die Mitte des 20. Jahrhunderts als subtraktives Verfahren der Bildhauerei vor allem in Stein und Holz zu unterscheiden von der Plastik (von griechisch plassein = formen, bilden) als additives Verfahren in Gips, Ton oder Bronze. Mit dem Aufkommen von Stahl als (meist vorgefertigtes) Ausgangsmaterial, das sowohl kompositorisch als auch subtraktiv vermittels Bohren und Schneiden verarbeitet wird, wird diese Unterscheidung obsolet und wirkt angesichts der Werkzeuge, die verwendet werden - Schneid- und Laserbrenner oder gar 8000-Tonnen-Schmiedepressen in Walzwerken (z.B. von Richard Serra) -, künstlich. Zudem dient ab der 2. Hälfte des 20. Jahrhunderts der Begriff Skulptur zunehmend als Oberbegriff einer ganzen Familie von bildhauerischen Techniken, die der Artikel (Stand: 19. Juni 2011) außen vor lässt: konstruktiv-expressive Stahlskulptur, abstrakt-geometrische Skulptur, minimalistische Skulptur, konkrete Skulptur, Konzeptkunst, Objektkunst, Installationen, Environments bis hin zu Performances. Im Lexikon der Kunststile oder bei Manfred Schneckenburger werden die Begriffe Skulptur und Plastik für die dreidimensionale Kunst in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts denn auch mehr oder weniger synonym verwendet. Die AG Bildhauermuseen und Skulpturensammlungen e. V. verwendet 'Skulptur' als Oberbegriff. Quellen:
  • Judith Collins: Skulptur Heute. Phaidon, Berlin, 1. Auflage, Oktober 2008
  • Gottfried Lindemann, Hermann Boekhoff: Lexikon der Kunststile. Band 2: Vom Barock bis zur Pop-Art. Rowohlt, 1979 / 1986
  • Manfred Schneckenburger: Skulpturen und Objekte. In: Kunst des 20. Jahrhunderts. Hrsg. Ingo F. Walther, Benedikt Taschen Verlag, Köln, 2000, S. 407-575 (im Band 2).
  • Was ist Skulptur? skulpturensammlungen.de - AG Bildhauermuseen und Skulpturensammlungen e. V., Berlin
[Abstrakte Kunst] Abstrakte Kunst: Als ihre frühen Vertreter in der Bildhauerei werden genannt (Stand: 19. Juni 2011): der ukrainische Bildhauer Alexander Archipenko, der russische Konstruktivist El Lissitzky und der englische Bildhauer Henry Moore. Die Behauptung wird nicht mit Jahreszahlen oder einzelnen Werken belegt. Ein Hinweis auf die Plastik Dreiklang (1919) des Deutschen Rudolf Belling, die als eine der ersten abstrakten Skulpturen gelten darf, fehlt. Auch Hans Arp, der 1917 seine ersten abstrakt-biomorphen Holzreliefs schuf, sowie Constantin Brâncusi, etwa mit seinem Verlorenen Sohn (1915), seiner Endlosen Säule Version I (1918) und L’Oiseau d’or (1919), sollten hier genannt werden. Henry Moores Arbeiten werden dagegen erst in den frühen 1930er Jahren abstrakt.
[Eduardo Chillida] Einer der bedeutendsten Bildhauer des 20. Jahrhunderts, Eduardo Chillida, erhielt 1991 die Praemium Imperiale der Japan Art Association. Er gilt als der „Nobelpreis der Künste“. Chillidas Wikipedia-Artikel nennt von den zahlreichen Preisen, die Chillida erhielt, nur vier deutsche (Stand: 19. Juni 2011). Die Praemium Imperiale fehlt. Quellen:
  • Biografie von Eduardo Chillida beim Museum Chillida-Leku (in Spanisch)
  • An Interview with Eduardo Chillida, Sculpture magazine, International Sculpture Center, 1997 (in Englisch)
  • Thomas M. Messer: Eduardo Chillida - eine Retrospektive. Schirn Kunsthalle Frankfurt. Kulturgesellschaft Frankfurt mbH, 1993
[Ansgar Nierhoff] Die Liste der Einzelausstellungen ist in der Kunst gewissermaßen so etwas wie das Aushängeschild eines Künstlers, an dem sich seine Bedeutung (es gibt wichtige und weniger wichtige Museen) und ggf. seine überregionale Wirksamkeit ablesen lässt. In der Biografie des Künstlers Ansgar Nierhoff fehlen (Stand: 14. August 2010) drei Einzelausstellungen in den vielleicht wichtigsten Zentren moderner Skulptur in Deutschland: Mannheim, Duisburg und Saarbrücken (und das seit der ersten Version vom 12. Februar 2006). Dagegen wird die Gruppenausstellung »Arkadien der Moderne« zum 100jährigen Bestehen der Villa Romana im (relativ unbedeutenden) Neuen Museum Weimar (2006) genannt. Dass die Liste überhaupt eine Auswahl darstellt, wird nicht explizit gemacht.

Des Weiteren fand die Ausstellung in der Kunsthalle Köln 1972 und nicht 1971 statt. (Allerdings wird dies auch in [Költzsch 1988], in [Nierhoff 1992] und auf kunstaspekte falsch angegeben.) Schließlich wird Nierhoff als "Pionier der Edelstahlplastik" bezeichnet, dessen Skulpturen "fast ausnahmslos aus diesem Material" seien, obwohl die große Mehrheit seiner Arbeiten aus (geschmiedetem) Stahl ist. [Stand: 19. Mai 2011, Ursprung dieses Fehlers: Benutzer Falkmart, Verson vom 13. August 2010, 11:07 Uhr. Benutzer Armin Schönewolf überhöhte in der Version vom 4. Februar 2011, 19:22 Uhr, lediglich noch einmal die Formulierung.]

Quellen:
  • Ansgar Nierhoff (Hrsg.): ZU EINEM AUS EINEM. Skulptur im öffentlichen Raum. Kehrer Verlag, Heidelberg, 2006. Mit Texten u.a. von Eduard Trier, Manfred Schneckenburger, Christoph Brockhaus
  • Ansgar Nierhoff: Ansgar Nierhoff: Beziehungen + Bedingungen. Katalog zur Ausstellung vom 18. März - 16. April 1972, Kunsthalle Köln, 1972
  • Ansgar Nierhoff: Lichtung zu Einem. Eine 8teilige, geschmiedete Eisen-Skultur auf dem Platz Andreaskloster, zwischen der Kirche Sankt Andreas und der Deutschen Bank in Köln. Selbstverlag, 1992
  • Georg-W. Költzsch: Ansgar Nierhoff - Eisenzeit. Wienand Verlag, Köln, 1988. [Katalog zur Ausstellung im Saarlandmuseum, Saarbrücken / Museum am Ostwall, Dortmund / Museum Moderner Kunst, Wien]

2.3 Weltanschauung / tendenziöse Schein-Neutralität / Rufmord / PR

"Wenn die Fixsterne nicht einmal fix sind, wie könnt ihr dann sagen, dass alles Wahre wahr ist?"
[Georg Christoph Lichtenberg]
"Als ich ein Kind war, lehrt mich meine Mutter die Bösartigkeit von Gerüchten. Sie hielt ein Federkissen hoch und sagte: 'Wenn ich dieses aufreiße, werden die Federn in alle vier Winde verweht und ich würde sie nie wieder zurück ins Kissen bekommen können. Genau so ist es, wenn Du böse Sachen über Leute verbreitest."
[John Seigenthaler Jr., Journalist im Ruhestand]
"Noch immer glaube ich an freie Meinungsäußerung. Was ich will ist Verantwortlichkeit."
[John Seigenthaler Sr., ein ehemaliger Herausgeber von 'The Tennessean'
in Nashville, Opfer eines Internet-Rufmords]

Wo ist die Wikipedia politisch verortet? Schafft es die Wikipedia, (auch ohne Fachredaktion) einen religiös und politisch neutralen Standpunkt zu vertreten? Unter der Überschrift "Anfälligkeit gegenüber Einflussnahme durch Interessengruppen" liest man im Artikel Kritik an Wikipedia [Version vom 26. Juli 2011, 06:49 Uhr] beinahe nichts Konkretes.

Als einziges konkretes Beispiel eines politisch motivierten Manipulationsversuchs in der deutschen Wikipedia führt der Artikel tendenziöse Änderungen in den Artikeln der Spitzenkandidaten des nordrhein-westfälischen Wahlkampfs aus dem Jahr 2005 an.

Wie sieht es mit Artikeln zu Geschichtsfragen oder zu Sekten aus?

Wie ist es in der Wikipedia um die Persönlichkeitsrechte bestellt? Auch hier sind konkrete Beispiele rar. Fordert es doch von den betroffenen Personen eine gehörige Portion Mut, sich gegen die von der Wikipedia erzeugte Öffentlichkeit zu stellen.

Quellen
[Daniele Ganser]

Dokumentarfilm „Die dunkle Seite der Wikipedia“, 2015

Die Macher der Films, Markus Fiedler und Frank Michael Speer, verdächtigen ein Netzwerk von Wikipedia-Autoren, politisch brisante Artikel mit unlauteren Mitteln zu beeinflussen und sachliche Darstellungen zu verhindern. Am Beispiel des Wikipedia-Artikels über den Friedens- und Konfliktforschers Dr. Daniele Ganser.

[Junge Freiheit] In der Wikipedia liest man (Anfälligkeit gegenüber Einflussnahme durch Interessengruppen): «Die Politikwissenschaftlerin Margret Chatwin untersuchte den kampagnenartigen Einfluss der Neuen Rechten auf die Wikipedia am Beispiel der Wochenzeitung „Junge Freiheit“. Chatwin kommt zu dem Schluss, dass es vor allem die garantierte Anonymität sei, die es der Neuen Rechten ermögliche, eine „Volkspädagogik von rechts“ auf breiter Ebene in die Enzyklopädie zu tragen.»

Konkretere Passagen werden aus diesem Buch nicht zitiert. Auch ein Hinweis auf einen konkreten Wikipedia-Artikel, der davon betroffen sei, fehlt.

Umgekehrt kritisiert die „Junge Freiheit“ vom 24. Juni 2011 in einem Feature-Artikel die "angeblich demokratischen" Strukturen der Wikipedia. In einer beigeordneten Kolumne heißt es: «Dabei hat sich die einst als selbstkorrigierend konzipierte Datenbank gerade in politischer Hinsicht zu einem Super-Pranger entwickelt, dessen sich ein konzertiert vorgehendes, eng vernetztes Kartell linksgerichteter Administratoren bemächtigt hat, rechte Politiker, Medien, Institutionen mit den jeweils ungünstigsten Wertungen zu belasten. Die Auswirkungen sind für Betroffene mittlerweile verheerender als eine Erwähnung im Verfassungsschutzbericht, die Gegenwehr wiederum juristisch erheblich schwerer.»

Als einziger Beleg für die deutsche Wikipedia wird der Streit um den Eintrag des Juristen Heinz Nawratil genannt. Nawratil beschäftigt sich als Publizist insbesondere mit der Vertreibung der Deutschen nach dem Zweiten Weltkrieg. Die Diskussionsseite des Artikels enthält zwei Stellungnahmen von Heinz Nawratil zu seinem Wikipedia-Artikel. Nawratil bemängelt darin die unausgewogene Auswahl seiner Reden und Veröffentlichungen, die im Artikel Erwähnung fanden, und wollte die Millionenauflage eines seiner Bücher in Wikipedia vermerkt haben. Seine Anmerkungen wurden weitgehend in den Artikel übernommen. Der Artikel verlinkt zudem zu seiner privaten Homepage.

[Neo-
liberalismus]
Über den verbissenen Kampf um die Deutungshoheit: Neoliberalismus - ein wirtschaftshistorischer Begriff oder ein politischer Kampfbegriff gegen eine als ungerecht empfundene Wirtschaftspolitik? Über 2.270 Edits, über acht Jahre lang wurde gestritten. Eine Studie zweier US-Wissenschaftler stellte schließlich einen Bedeutungswandel des Begriffs Neoliberalismus fest: von der liberalen Philosophie hin zum antiliberalen Slogan und befriedete damit die Streithähne. (Weitgehend.)
[Marx.-Lenin.
Wörterbuch
der
Philosophie]
2005 entstammten eine Zeit lang etliche hundert Einträge in der Wikipedia offenbar einem DDR-Lexikon, dem Marxistisch-Leninistischen Wörterbuch der Philosophie.
[Nahost- konflikt] Zwei rechtsgerichtete israelische Gruppen wollen die "Wahrheit" über den Nahostkonflikt in der Internet-Enyklopädie Wikipedia in ihrem Sinne angleichen.
[Rufmord] Wiki-Immunität: 'Wikimedia Deutschland – Gesellschaft zur Förderung freien Wissens e. V.' ist nach rechtskräftigen Urteilen und Beschlüssen der Landgerichte Hamburg und Lübeck nicht für Inhalte in der deutschsprachigen Wikipedia verantwortlich und damit insbesondere nicht für Verleumdung und üble Nachrede haftbar [Moenikes 2010, Telemedicus 2010]. Der Grund: Wikimedia Deutschland sei nicht Betreiber der deutschsprachigen Wikipedia und hätte auch keine redaktionelle Funktion hinsichtlich der Wikipedia-Inhalte. Die Durchsetzbarkeit nationalen Rechts wird insoweit grundsätzlich zur Disposition gestellt.
Als Beispiele mögen der Rufmord an John Seigenthaler Sr. 2005 sowie die Causa Lutz Heilmann dienen.
[Wikiscanner] Der Wikiscanner von Virgil Griffith machte transparent, dass die Wikipedia-Einträge von Firmen und Organisationen zum guten Teil von Mitarbeitern geschrieben werden. Solche Änderungen erfolgen zwar meist anonym, jedoch speichert das Wiki-System bei jeder anonymen Änderung die IP-Adresse des Computers bzw. des Netzwerks, aus dem heraus sie getätigt wird. Da größere Unternehmen bekannte IP-Adressbereiche belegen, lässt sich somit ihre Urheberschaft in manchen Fällen bestimmen.
Siehe auch:
[Brandt] Daniel Brandt: Wikipedia Watch
[WP Suter] Als eher harmlos ist es dagegen einzustufen, wenn Kunstgalerien Werbung für sich machen möchten, indem sie sich auf Wikipedia-Artikeln über Künstler, über die sie Ausstellungen organisierten, zu platzieren versuchen. Quelle: Galerie-Ausstellungen auf der Diskussionsseite zum Bildhauer Paul Suter

2.4 Hypothetische Wahrheit

"Wir erleben eine Demokratisierung der Fälschung. Heute kann jeder seine Geschichte ins Netz stellen, und es ist am Leser und Zuschauer, herauszufinden, ob diese Geschichte stimmt. Im Internet entsteht eine neue Form der Information: die hypothetische Wahrheit. Was erzählt wird, ist nicht so sehr die Wahrheit, sondern etwas, das nur wahr sein könnte. Und das reicht den meisten Menschen offenbar aus. Warum sollte man auch Zeit verschwenden, die Wahrheit herauszufinden, wenn man sie so einfach schaffen kann?"
[Daniel van der Velden, 2010]
Quellen
[Sealand] «Sealand ist eine Militär-Plattform aus dem zweiten Weltkrieg, die in den 70er Jahren von einem ehemaligen Offizier der Royal Navy besetzt und zu einem unabhängigen Königreich erklärt wurde. Niemand lebt auf der Betonstruktur. Niemand weiß, was man eigentlich damit machen soll. Sealand ist einfach da. Sealand ist nur Bild und Projektionsfläche und hat so die radikalste künstliche Entwicklungsform einer Marke angenommen.»
Quelle:
  • Medien-Designer Daniel van der Velden über die im Internet blühende Kultur inszenierter Fälschungen. Süddeutsche Zeitung , 10.04.2010 [Auszug]
[Stalins Badezimmer] Wie ich Stalins Badezimmer erschuf. Berliner Zeitung, 24.03.2011
[Schlömer 2009] Kein Terror in Bluewater. Peter Schlömer, 11. September 2009
[ZEIT 2010] Dirk Liesemer: Achtung, Lexikon! Misstrauen Sie Wikipedia? Dann blättern Sie einmal in den seriösesten Nachschlagewerken Deutschlands. Dort finden sich einige Scherzeinträge ohne jeden Wahrheitsgehalt. ZEIT Wissen 02/2010, 12.3.2010

Dr. Emden-Weinert created: 2010/04/29, last changed: 2015/07/11