5 Schluss

"Glücklich, wem es gelang,
den Grund der Dinge zu erkennen."
[Publius Vergilius Maro (Vergil)]

5.1 Freies und verlässliches Wissen!

Wenn Sie, verehrter Leser, bis hierher vorgedrungen sind, so scheint es, dass Sie der Materie ein gewisses Interesse entgegenbringen. Daher bitte ich Sie - prüfen Sie sich selbst: Wie viele verlinkte Webseiten haben Sie etwa aufgerufen? Wie viele der nur kostenpflichtig erhältlichen Quellen [Wiegand 2007, Endres 2006, Stein & Hess 2008, Fiebig/Weber-Wulff 2006] haben Sie dabei abgerufen? Sind Sie zwischendurch aufgestanden, zum Bücherregal gelaufen und haben etwas in einem gedruckten Lexikon nachgeschlagen...? Nein? Dann unterstützen auch Sie das Konzept des Freien Wissens! Wie ließe sich - Ihrer Ansicht nach - die Zuverlässigkeit der Wikipedia erhöhen? Möglicherweise durch eine der folgenden Web 2.0-Erweiterungen? Nehmen Sie (etwa hier oder auch im Verwendungszweck einer Spende an Wikimedia Deutschland) Stellung! Dass der Steigerung der Quantität noch immer der Vorzug vor einer Steigerung der Qualität gegeben zu werden scheint (obwohl die deutsche Wikipedia schon über 1.2 Millionen Artikel enthält), spiegelt wohl stärker das Geltungsbedürfnis der Autoren (die auf ihren Mitgliederseiten mit der Anzahl der von ihnen erstellten Artikel kokettieren) wider denn den Wunsch der Leserschaft.

Pseudonym ja, anonym nein! Die Internet-Handelsplattform Amazon versichert sich der Identität seiner angegliederten Verkäufer über die Angabe einer Telefonnummer. Die Korrektheit dieser Nummer wird in Minutenschnelle dadurch überprüft, dass der Verkäufer einen automatischen Telefonanruf erhält, in dem eine Computerstimme ihn dazu auffordert, die auf dem Bildschirm angezeigte PIN über die Tastatur des Telefons einzugeben. So kann Amazon im Bedarfsfall die Identität eines Verkäufers leichter in Erfahrung bringen, während der Verkäufer weiterhin unter einem Pseudonym auftreten kann. Ganz ähnlich prüft die 'online directory service GmbH' die Daten Ihres Telefonbucheintrags auf telefonbuch.de, wenn Sie nicht Kunde der Deutschen Telekom AG sind. Daher: würde es Ihres Erachtens das Verantwortungsbewusstsein eines Autors erhöhen, wenn die Wikimedia Foundation - bei Bedarf - seine Identität feststellen könnte? Sollte das nicht - angesichts der heute universalen Nutzung der Wikipedia und des Vertrauens, das ihre Leser ihr entgegenbringen - zumindest für Wikipedia-Sichter und -Administratoren selbstverständlich sein?

Professionelles Mediatoren-Team. Der Sozialwissenschaftler Dr. Thomas König schlägt vor, s. [König], dass sich Wikipedia angesichts eines Etats von jährlich ca. 1 Mio. € ein unabhängiges und professionelles Mediatoren-Team leisten (also einstellen) sollte, das zum einen Konflikte effektiver als derzeit die Wikipedia-Administratoren schlichten könnte und zum anderen ein produktiveres Ergebnis hinterließe. Heute seien die Wikipedia-Administratoren hingegen in der Regel in Psychologie/Soziologie/Pädagogik ungeschulte, ehrenamtliche Mitglieder, die neben ihrer Admin-Eigenschaft gleichzeitig Autoren seien und interne Beziehungsgeflechte pflegten, was einen strukturellen Interessenkonflikt darstellte. Zu Administratoren würden letzlich etablierte Wikipedia-Mitglieder gewählt, die Anerkennung (gewissermaßen als Lohn für ihr Engagement) anstrebten und auch erhielten. Seine soziale Position in der Wikipedia-Community steigere man etwa, indem man Artikel schreibe, hohe Edit-Zahlen aufweise, mit virtuellen Preise für ihre Arbeit ausgezeichnet würde, interne Schreibwettbewerbe gewönne und natürlich Wikipedia-Freundschaften pflegte. Man darf hinzufügen: Ein unabhängiges und professionelles Mediatoren-Team könnte auch der beklagten Abwanderung von Autoren entgegenwirken. Bei heute 300 Admins auf etwa 1.200.000 Artikel ist ein Administrator für durchschnittlich etwa 4000 Artikel und die damit verbundenen Edit-Wars und Löschdiskussionen zuständig. Der immense Zeitaufwand, der damit verbunden ist, dürfte ein Hauptgrund für das schlechte Klima in der Wikipedia sein. Und dass ein Administrator ohnehin bei einem Volumen von 4000 Artikeln, für die er zuständig ist, nicht überall fachlich kompetent entscheiden kann, versteht sich von selbst.

Fachliche Artikel-Mentoren. Ein Wikipedianer erfährt, nachdem er sich eingeloggt hat, über seine sogenannte 'Beobachtungsliste', welche Änderungen es an Seiten, die ihn interessieren, in den letzten Tagen gegeben hat. Dazu hat jeder eingeloggte Wikipedia-Mitglied die Möglichkeit, ob rechts über einen Knopf (in Form eines fünfzackigen Sterns) die aktuelle Seite zur Liste seiner beobachteten Artikel hinzuzufügen. Diesen Änderungsinformationsdienst abonnieren Wikipedia-Autoren z.B. deshalb, weil sie beim Auftreten von Vandalismus (insbesondere an Seiten, an denen sie selbst mitgewirkt haben) schnell reagieren können wollen. Ein Wikipedia-Leser wiederum wird diesen Dienst vielleicht nur deshalb abonnieren, weil er sich über Neuigkeiten zu einem bestimmten Thema auf dem Laufenden halten möchte. Hilfreich könnte hier eine Differenzierung sein zwischen erstens Wikipedia-Lesern, zweitens Wikipedia-Autoren, die sich selbst in Bezug auf einen bestimmten Artikel als fachlichen Experten sehen, und schließlich drittens solchen Autoren, die sich in Bezug auf diesen Artikel eher als Lektor begreifen und ihn insbesondere in Bezug auf Verständlichkeit und Form verbessern wollen. So wäre es vorstellbar, dass sich ein (erfahrener) Wikipedia-Autor selbst (freiwillig) als fachlicher Artikel-Mentor eines Artikels registrieren könnte. Ein Leser, der sich um die Zuverlässigkeit eines bestimmten Wikipedia-Artikels sorgt, könnte dann beispielsweise der Versionsgeschichte des Artikels entnehmen, wann zuletzt einer der fachlichen Mentoren des Artikels den Artikel gesichtet hat - und ggf. die seitdem hinzugekommenen Änderungen genauer prüfen.

Ein Ampelsystem auf jeder Wikipedia-Seite könnte zudem anzeigen, ob der Artikel von vielen, einigen oder nur wenigen (aktiven) fachlichen Artikel-Mentoren 'beobachtet' wird. Wenn ein Artikel viele solche Beobachter hätte, so legte dies nahe, dass der Artikel wahrscheinlich weniger Fehlstellen oder falsche Fakten enthielte (d.h. das Peer-Review-System funktioniert). Wenn ein Artikel auf der anderen Seite mit nur wenigen oder gar nur einem einzigen fachlichen Artikel-Mentor aufwarten kann, so wäre dies ein deutliches Warnsignal an den Leser. Und eine Aufforderung an jeden Experten für das Thema (ob schon Wikipedia-Autor oder nicht).

Wünschenswerte wäre natürlich, dass gerade die fachlichen Artikel-Mentoren unter ihrem Klarnamen arbeiteten. Unter dieser Voraussetzung wäre es z.B. auch vorstellbar, dass ein Experte den Status eines 'fachlichen Mentors' eines Artikels erhält, obwohl er ansonsten nur wenig in/an Wikipedia arbeitet. Ein Administrator könnte beispielsweise - nach Prüfung - diesen Status vergeben. Insbesondere für Fachexperten aus Wirtschaft, Industrie, Wissenschaft und Verwaltung könnte es einen Anreiz bedeuten, sich trotz ihrer knappen Zeit in der Wikipedia zu engagieren, wenn ihr (guter) Name öffentlich sichtbar hinter einem Wikipedia-Artikel stünde. Und das Renommee der Wikipedia könnte zu einem neuen Höhenflug ansetzen. (Natürlich könnten diese Experten auch heute schon Wikipedia-Autor werden. Doch es fehlt an Sichtbarkeit, an Status.)

Bewertungen durch Leser. Von ebay-Verkäufern oder von amazon-Rezensionen her ist das Konzept der Bewertungen durch Kunden bzw. Leser geläufig. Kunden und Leser können ihre Zufriedenheit oder Unzufriedenheit ausdrücken - ein enormer Ansporn für die Bewerteten! Und im Einzelfall sicher eine ungemeine Ersparnis an Ärger bzw. ein immenser Zeitgewinn für den nächsten Kunden bzw. Leser. Weshalb gibt es nicht neben jedem Hauptabschnitt eines Wikipedia-Artikels einen Knopf, um etwa

zu bewerten? Hätte das nicht unglaublichen Aufforderungscharakter für die Autoren? Dieses Potential bleibt bislang bei Wikipedia ungenutzt. Kratzt es womöglich am Selbstverständnis der Wikipedianer, wenn durch mehr oder weniger leuchtend gelbe Sterne neben jeder Kapitelüberschrift offenkundig wird, dass die Qualität von Wikipedia-Artikeln nicht durchgängig gut ist?

Auf diese Weise hätten das erste Mal die Leser und Nutzer der Wikipedia (für die die Autoren ja eigentlich schreiben) Einfluss auf den Inhalt der Wikipedia. Würden Leser womöglich gar kritischer, wenn Qualitätsunterschiede sichtbar würden? Und insbesondere vorsichtiger, wenn ein Artikel mal nicht so gut abschneidet?

Technisch ist sicherzustellen, dass eine schlechte Bewertung einer alten Version eines Artikels die Bewertung einer überarbeiteten aktuellen Version des Artikels nicht über Gebühr beeinträchtigt.

Profil von Artikel-Mentoren. Viele (in vielen Fällen wohl die Mehrzahl der) Edits betreffen lediglich kosmetische Verschönerungen, formale Vereinheitlichungen und stilistische Verbesserungen des Artikels. Der Leser von Wikipedia wird daher gerne wissen wollen, welcher 'Typ' der Mentor des vorliegenden Artikels ist, der diesen Artikel als letzter Mentor gesichtet hat. Die Selbsteinschätzung von Mentoren, in Bezug auf einen Artikel fachlich kompetent zu sein, könnte auf dem Weg über die Bewertungen der Leser validiert werden. Dazu könnte das Wiki-System jedes Mal, wenn ein Leser ein Kapitel des betreffenden Artikels bewertet, diesen Bonus im Hintergrund auf alle Autoren (und nur diese), die an diesem Kapitel mitgewirkt haben, d.h. von denen noch Textpassagen in der aktuellen Version des Kapitels enthalten sind, verteilen. (Idealerweise in einer gewichteten Form, die berücksichtigt, wie viel Text ein Autor zum betreffenden Kapitel beigetragen hat.) Auf diese Weise sammelten die Autoren Punkte in den Disziplinen Inhalt, Verständlichkeit und Form. Der Leser könnte nun in der Versionsgeschichte des Artikels beispielsweise auf den Namen eines Mentors klicken und gelangte zu dessen 'Profil', das ihm sagte, wie dieser Mentor in der Vergangenheit in jeder der drei Disziplinen von Dritten bewertet wurde.

Für ein solches System spricht, dass viele Wikipedia-Autoren vermutlich sehr viel Wert darauf legen, als kompetent eingeschätzt zu werden, und womöglich auch gern bereitwillig den einen oder anderen ihrer fachlichen Kompetenzbereiche offen legen würden. Aus diesem Grund würde ein Wikipedia-Autor womöglich auch davon absehen, sich als Mentor eine Artikels zu registrieren, für den er nicht wirklich fachlich kompetent wäre. Von den Autoren forderte ein solches System mehr Verantwortlichkeit - durch mehr Transparenz. Und es würde ein Anreiz für die Verbesserung der Qualität von Bestandsartikeln gesetzt.

Vom Piraten in die Mitte der Gesellschaft. Wer könnte Ihrer Ansicht nach die Wikimedia Deutschland - Gesellschaft zur Förderung Freien Wissens e.V. - (Jahresetat: über 1 Mio. €) davon überzeugen, die deutsche Wikipedia zukünftig in Deutschland zu betreiben, dazu die entsprechenden Server aus den USA nach Berlin zu holen und die medienaufsichtliche Verantwortung für die Inhalte zu übernehmen? Gemäß §55 Rundfunkstaatsvertrag müssen in Deutschland journalistisch-redaktionell gestaltete Inhalte einen Verantwortlichen im Inland benennen.

Quellen
[König] Markus Kompa: Wikipedia und die Spieltheorie. Der Soziologe Dr. Thomas König stellt auf der Tagung des Vereins "Skillshare e.V." in Lüneburg den Sinn fundamentaler Prinzipien und Verfahrensweisen der deutschsprachigen Wikipedia radikal infrage. heise.de, 9.6.2010

5.2 Wissenschaft und Forschung

Zahlreiche der in diesem Aufsatz genannten Aspekte sind auch im Wissenschaftssystem zu beobachten, siehe [Fischer 2004].

Quellen
[Fischer 2004] Prof. Dr. Klaus Fischer, Universität Köln: Spielräume wissenschaftlichen Handelns - Die Grauzone der Wissenschaftspraxis? 34. Bildungspolitisches Forum, Bund Freiheit der Wissenschaft, Berlin, 2004

Thomas Emden-Weinert created: 2010/04/29, last changed: 2011/07/27