Wikipedia und Wahrheit

Quellen für eine Quellenkritik

"...Autoren ihr Wissen gerne und weiterhin kostenlos der Öffentlichkeit zur Verfügung stellen (...)
Informationen und Bildung für jedermann."
[Maria May: Jaron Lanier: Digitaler Maoismus. Seminar bei
Professor Stang (WS 06/07), Hochschule der Medien, Stuttgart]
"Auf einem Misthaufen kann auch mal eine Orchidee blühen. Und so einen riesigen Misthaufen
wie das Internet hat es überhaupt noch nie gegeben, das ist ja ein Mount Everest aus Mist."
[Hans Magnus Enzensberger, in: das Magazin 30/2005,
Samstagsbeilage des Zürcher Tages Anzeigers]

Auch nach Jahren wird ein Mensch, welcher sich noch wundern kann, immer wieder erstaunt und begeistert sein, welch umfangreiche und gut aufbereitete Informationen im Netz zu finden sind - allen voran bei Wikipedia. Dort ist eine Wissensbasis von bisher nicht gekannter Größe entstanden. Für jedermann 24 Stunden, 7 Tage die Woche zugänglich, kostenlos und zumindest heute noch werbefrei. Gemessen an der Zahl der Stichwörter, enthält Wikipedia inzwischen ein Vielfaches an Informationen (1.056.920 Stichwörter) im Vergleich beispielsweise zum Brockhaus (300.000 Stichwörter in der 30-bändigen Ausgabe) [Stand: April 2010]. Darüberhinaus wird Wikipedia laufend aktualisiert ('Wiki' ist das hawaiische Wort für 'schnell'). In Tests hat Wikipedia die Online-Ausgabe des Brockhaus (150.000 Stichworte) oder auch Microsoft Encarta geschlagen, insbesondere natürlich, was Aktualität angeht, aber auch unter den Aspekten Breite (Abdeckung) und Tiefe (Ausführlichkeit) und ganz besonders im Bereich der Naturwissenschaften, siehe [ZEIT 2004, stern 2007, Wiegand 2007]. Zur Beliebtheit von Wikipedia dürfte nicht zuletzt beigetragen haben, dass man unter Angabe der Quelle und der Lizenz Texte und Bilder aus Wikipedia-Artikeln weiterverwenden darf ("freie Information").

All diesen Nutzen unbenommen: zu sehen, was da ist, ist die erste Stufe. Nur selten hingegen wird ein Wikipedia-Nutzer in der Situation sein, die Qualität eines der über 1,2 Million Artikel inhaltlich beurteilen zu können. Dazu muss er sich in der Regel in der betreffenden Sache schon recht gut auskennen oder eine Person des öffentlichen Lebens beispielsweise persönlich kennen. Nach meiner eigenen Erfahrung steigt die Chance, einen Aspekt in einem Wikipedia-Artikel zu entdecken, der fehlt oder gar schlicht falsch ist, allerdings rapide, wenn man sich mit einem Thema eingehender beschäftigt und hie und da auf das altbewährte Medium Buch zurückgreift.

Nun, Druckfehler und (bewusste oder unbewusste) Falschinformation findet man auch in Büchern. Woher also im Fall von Wikipedia die verbreitete besondere Besorgnis, ob man sich als Nutzer auf die dort angegebene Information verlassen kann?


Nach einer Idee von GraphJam

Zunächst vorab: diese Webseite verfolgt nicht das Ziel, Wikipedia zu diskreditieren. Tatsächlich nutze ich Wikipedia selbst regelmäßig und bin auch Autor in Wikipedia. Die kompetente und reflektierte Nutzung der Wikipedia als Teil der Medienkompetenz entsteht jedoch nicht von selbst. Diese Webseite verfolgt daher das Ziel, für Schule und Unterricht Unterstützung zu bieten bei einer Quellenkritik der Wikipedia, indem Fehler in Wikipedia sichtbar gemacht werden. Dabei werden zwei Dinge augenfällig: zum einen: Fehler existieren. Zum anderen aber auch: viele Fehler in Wikipedia werden unvergleichlich schnell korrigiert. Hier spielt eine Online-Publikation, die nicht wie bei einem herkömmlichen Lexikon auf die nächste Auflage warten muss, um einen Fehler zu berichtigen, ihre Stärke aus. Fehler sind mithin in vielen Fällen nicht mehr sichtbar - zumindest auf den ersten Blick. Wie also kann man in Schule und Unterricht trotzdem darüber sprechen? Hier kommt ein Aspekt eines Wiki-Systems zum Tragen: jede Änderung an einem Eintrag (d.h. insbesondere an einem Lexikonartikel) wird protokolliert. Die gesamte Historie der Änderungen an einem Artikel ist über die Schaltfläche "Versionen/Autoren" einsehbar. Auf dieser Seite finden Sie daher zur Illustration eines jeden Aspekts einen oder mehrere Links auf eine (meist alte) Version eines Wikipedia-Artikels, in der der Fehler nachzulesen ist.

Tatsächlich gilt es, zwischen der (blinden) Begeisterung für Wikipedia einerseits und ihrer Verteufelung andererseits einen praktikablen Weg zu finden, die Ressource Wikipedia zu nutzen. Die hier versammelten Einzelbeispiele zeigen dabei, dass die üblichen Strategien, die Zuverlässigkeit eines Textes zu bewerten, bei dem Organismus Wikipedia letztlich versagen. Hand auf's Herz: Wer liest schon täglich eine konservative Zeitung, eine liberale Zeitung und eine linke Zeitung parallel, um sich ein ausgewogenes Bild zu verschaffen? In der Wikipedia aber finden Zeitungsleser aller Couleur als Autoren zusammen, um dieses Bild zu schaffen. Verdient ein Projekt dieser Tragweite nicht, dass man konkret hinsieht, anstatt im Allgemeinen zu bleiben?

«Diese Einzelbeispiele sprechen jedoch
nicht gegen die freie Enzyklopädie,
sondern lediglich für die nötige Distanz beim Lesen.»
[Dorothee Wiegand 2007]
Quellen
[stern 2007] Wikipedia schlägt Brockhaus. stern, 5. Dezember 2007 [Zusammenfassung; Besprechung auf Spiegel Online]
[Vallely 2006] Paul Vallely: The Big Question: Do we need a more reliable online encyclopedia than Wikipedia? The Independent, 18. Oktober 2006
[Wiegand 2007] Dorothee Wiegand: Entdeckungsreise - Digitale Enzyklopädien erklären die Welt. ct 6, 2007, Heise.de [Vergleich der vier Lexika Bertelsmann Enzyklopädie 2007, Brockhaus multimedial premium 2007, Encarta 2007 Enzyklopädie und Wikipedia im Hinblick auf u.a. Bedienung, Ausführlichkeit/Aktualität, Neutralität/Sprache und Verständlichkeit anhand von über 140 breit gestreuten Testbegriffen.]
[Wiki-Watch] Wiki-Watch. Arbeitsstelle im Studien- und Forschungsschwerpunkt Medienrecht der Juristischen Fakultät der Europa-Universität Viadrina, Frankfurt (Oder)
[ZEIT 2004] Thomas J. Schult: Lernen vom Schinken in Scheiben. Was taugen die aktuellen Enzyklopädien auf CD-ROM und DVD? Ein Test. DIE ZEIT, Nr. 43, 14. Oktober 2004
[ZEIT 2006] Kerstin Kohlenberg: Die anarchische Wiki-Welt. Die ZEIT, Nr. 37, 7. September 2006 [Lesenswerter Artikel über die Entstehung der Wikipedia, ihre Gründungsväter Jimmy Wales und Larry Sanger und deren Philosophie]

Thomas Emden-Weinert created: 2010/04/29, last changed: 2011/07/27